"Content-Darwinismus"
oder Vorspiel zum Blog-Talk - animalisch...

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Vernetzt, verschrieben
Nicht, dass wir es nicht schon immer gewusst hätten, dass wir unter der Rubrik "Kulturwissenschaften" nichts Gutes zu erwarten haben, so liefert eine der deutschen Frontfrauen dieses Modemetiers dieser Tage wieder einmal den Beweis, wie träge die institutionelle Wissenschaft auf die immer wieder herbeigeschriebenen Medienschwellen (die modische Fortsetzung der Koselleckschen "Sattelzeit") reagiert.

Druckerpresse und Internet, unter diesem Titel aktualisiert bzw. erweitert Aleida Assmann ihr bisheriges kultur- bzw. medienhistorisches Programm. Buchstabierte man bisher (nicht immer ausgewiesen) unter Zuhilfenahme von McLuhan der neuzeitlichen Medienrevolution rund um den Buchdruck hinterher, später dem iconic turn, danach der Ökonomie der Aufmerksamkeit und nun eben: dem Internet.

"Die Utopien des digitalen Mediums sind nicht nur vorwärts gerichtet und betonen ganz neue Artikulationsmöglichkeiten in fugenloser Verbindung von Schrift, Bild und Klang [!] (Hervorheb. beta), sie sind auch rückwärts gerichtet und versprechen die Wiederherstellung von etwas längst Vergangenem und Verlorenem", liest man da.

These und Conclusio des Aufsatzes erhält man endlich nach vier Seiten ermüdender Lektüre (der klassische historische Parforce-Ritt durch die Neuzeit): Die Utopie des Buchdruckes sei auf die Überwindung der Zeit gerichtet (argumentiert mit Hintergrund, dass der Buchdruck mit dem Humanismus zusammenfiel, der die Aktualisierung der antiken Schriften im neuentdeckten Buchdruck zelebrierte), die digitalen Medien richteten hingegen ihre Utopie auf die Überwindung des Raumes:

"Die Utopie des Druckzeitalters entwarf eine virtuelle Zeit, in der Kommunikation über Epochen hinweg möglich wird, die Utopie des elektronischen Zeitalters entwirft einen virtuellen Raum, in dem Kommunikation über größte Distanzen hinweg möglich wird. Bezeichnenderweise erheben sowohl die 'Zeitutopie' des Buchdrucks wie die 'Raumutopie' des Internets einen Anspruch auf Interaktivität, beide reaktivieren vorgängige Modelle unvermittelter Mündlichkeit, um die Errungenschaften des jeweils neuen Mediums ins Licht zu rücken."

Montaigne, um nur ein Beispiel zu nennen, der im Jahrhundert nach der Erfindung des Buchdruckes seine "Essais" geschrieben hat, meinte viel, als er sein "Je parle au papier" prägte. Mit Oralität hat das freilich so wenig zu tun, wie die Drucklegung humanistischer Schriften. Und, vor allem: Was für eine mediale Sattelzeit stimmt (Oralitätsmuster beim Schrifteinsatz im Web), muss noch lange nicht für eine andere gelten. Abgesehen von dem Umstand, dass es mir absolut uneinsichtig ist, welche Erkenntnis gewonnen sein soll, wenn man dem Buchdruck eine zeitliche und dem Internet eine räumliche Utopie unterstellt. Denn mehr als eine theoretische Unterstellung ist das halt nicht...

In diesem Sinn: Wenn schon Assmann, dann S. Assmann statt A. Assmann...

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Zwischen Montaigne und WebLog
So, die Winterpause ist ause.

In den vergangenen Tage hatte ich mehr Projekte im Kopf als auf der Tastatur bzw. war Angedachtes noch in einem derartigem Rohzustand, dass es mehr gamma als beta war.....

Projekt 1:
Der lange angedachte Artikel über Jean Paul und die Systematik hinter der Unsystematik des Sich-Selber-Schreibens. Also seine indirekte Auseinandersetzung mit Montaigne. Was passiert, wenn sich in rhetorisiertes Wissen Kategorien von Erfahrung schieben, die in diesem "System" nicht vorgesehen sind? Das Ich im liber locorum, etc.

Projekt 2:
Die Rückkehr des Autors - als "real" referenzierbare Figur oder persona - aufgrund der Proliferation von Weblogs.

Der diffuse Traum über einen kollektiven Hypertext, der im Netz geschrieben wird, scheint ausgeträumt. Hypertext ist die Einzwängung der Metapher auf einen Pfad enger Bedeutungsverweise.

Es lässt sich dagegen m. E. zeigen, dass der Überfluss an Kommunikation, der gerade durch das Web generiert wird, das Prinzip von Autorschaft (und damit Stil, Zurechenbarkeit von Diskursen, etc.) wieder stark macht.

Daneben suche ich nach den poetologischen, stilistischen Vorläufern von WebLogs. Also den kritischen, direkt auf bestimmte Ereignisse bezogenen öffentlichen Diskurs. War etwa die "Fackel" von Karl Kraus ein Weblog in Print - ein Ort, den man lesend immer wieder aufgesucht hat, um dort den Kommentar eines bestimmten Autors zu Akutem und Wichtigem zu finden? Sind Weblogs per se moralisch (fällt mir nur ein, wegen der Hartnäckigkeit, mit der Sullivan und Co. über Trent Lott debattiert - ja diesen möglicherweise zu Fall gebracht haben)?

Autorschaft und Aufmerksamkeit - wie entsteht Aufmerksamkeit im Netz (altes Assmann-Projekt [ich meine ausnahmsweise Aleida und nicht Sabine A.], etc.)?

Noch sehr unrein das Ganze. Wem dazu etwas einfällt, Weblogs, Literatur, Links, Ideen - feel free to post ....

Allen anderen Treuen noch ein schönes '03 - den üblichen Wahnsinn wird es hier selbstverständlich auch weiter geben...

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